Die derzeitige Stimmung im Einzelhandel ist wolkig bis düster


Im großen Taeglich.ME-Interview äußert sich der Vorstand der Werbegemeinschaft Mettmann Impulse über die derzeitige Situation in der Innenstadt - und formuliert klare Bitten an Politik und Verwaltung. Aber auch die Händler selbst seien in der Verantwortung, zu handeln - damit die Innenstaft nicht weiter veröde.

 

Das Interview führte Philipp Nieländer

 

 

Mit der Sonne und dem frühlingshaften Wetter der letzten Woche waren auch wieder mehr Menschen in der Innenstadt unterwegs – so sah es zumindest aus … Ist der Eindruck richtig?

Ingo Grenzstein: Das frühlingshafte sonnige Wetter war der Saisonstart für unsere gastronomischen Betriebe. Die dadurch entstehende erhöhte Verweildauer der Menschen in der Innenstadt ist aber immer nur eine Momentaufnahme.

 

Wie ist denn die derzeitige Stimmung unter den Einzelhändlern?

Jens-Christian Holtgreve: Bleiben wir mal im Bild, ich würde sagen wolkig bis düster. Die künftige Schließung der B4-Filiale trifft die Innenstadt nochmal besonders hart. Die Anzahl der Leerstände ist mittlerweile dramatisch hoch. Die Situation wird weiter verschärft dadurch, dass die Aussicht auf „Neuansiedlung“ eher gering scheint. Da entwickelt sich schnell eine Negativspirale, denn die derzeitige Situation scheint für potentielle Interessenten nicht mehr attraktiv.

 

Das klingt nicht gut. Woran liegt es? Nur an der Innenstadt-Baustelle? Oder gibt es auch andere Gründe?

Axel Ellsiepen: Wenn sich die Menschen mit ihrer Stadt identifizieren, spielen Baustellen keine Rolle – sie kommen trotzdem. In unserer Stadt gab es viel Engagement der Bürger und Hoffnung auf Bürgerbeteiligung. Leider wurden die Erwartungen enttäuscht und die Abkehr von ihrer Stadt wird mit jedem weiteren Nadelstich verstärkt. Beispiele: Die Erhöhung der Parkgebühren, die vielen Umwege und die permanenten Staus auf den innerstädtischen Straßen sorgen für Frust und sind sicher nicht klimaförderlich, der Umgang mit der Düsselring-Sanierung, die ewigen Debatten um die Stadthalle, die trostlose Situation am Jubi. Die Liste ist zu lang, als dass ich sie hier vollständig machen möchte. Daraus ist längst Frust und Resignation entstanden. Die Stimmung kippt, wenn die Negativliste deutlich länger wird als die positiven Aspekte. Die Verwaltungsspitze hat viel an Glaubwürdigkeit verspielt.

 

Herr Ellsiepen, Sie sind mit dem Geschäft ja mittendrin im Geschehen. Was hören Sie von Kunden?

Axel Ellsiepen: Ich freue mich über jeden Kunden, der sagt, dass ihm die Geschäfte in der Innenstadt wichtig sind. Davon gibt es einige. Wir müssen aber endlich gemeinsam dem Trend entgegensteuern und dafür Sorge tragen, dass Bürger, die situationsbedingt reagieren und der Innenstadt fernbleiben, wieder zurückkommen.

 

In der Breite Straße ist der Umbau ja nun abgeschlossen. Es gibt Bänke und man kann nun auch seine Pizza im Freien essen. Ist das nicht schöner als vorher?

Jens-Christian Holtgreve: Die Breite Straße ist sehr schön geworden und ich freue mich, dass Tische und Bänke diesen Bereich beleben. Die Gastronomie hat unsere Innenstadt in den letzten Jahren bereichert und ist wichtig für die Entwicklung unserer City. Wir sollten hier aber das eine tun ohne das andere zu lassen. Die eh schon wenigen Parkplätze sind noch weniger geworden. Unser Alternativvorschlag, hier schräge Parkflächen anzubieten, wurde schlicht verworfen. Oder wenigstens Saisonparklätze, die man halt in den Wintermonaten nutzt, also wo eh keiner im Straßencafé sitzt. Unsere Vorschläge lagen alleauf dem Tisch.

 

Im vergangenen Jahr hat Mettmann Impulse versucht, die Netztrennung doch noch zu verhindern. Mittlerweile ist es recht ruhig geworden. Woran liegt es?

Ingo Grenzstein: Ja, in der Öffentlichkeit ist es ruhiger geworden: Wer nicht gehört wird, wendet sich ab. Wir führen unsere Gespräche mit den Verantwortlichen jedoch weiter. Die vielen Gutachten sind nun Makulatur und die Ratsfraktionen erkennen mehr und mehr, dass die 100-prozentige Netztrennung nachgebessert werden muss. Hoffentlich kommt das irgendwann auch bei der Verwaltung an. Die Ruhe ist ein Zeichen der Resignation. Wenn das das Ziel von Rat und Verwaltung war, ist es erreicht.

 

Also sind Sie nach wie vor der Meinung, dass die Netztrennung der falsche Weg ist?

Axel Ellsiepen: Eine Beruhigung war notwendig aber die 100-prozentige Netztrennung ist der falsche Weg. Unabhängig vom Umbau können wir jederzeit nachbessern. Die weitere Verkehrsführung muss eingebunden sein in ein ganzheitliches Konzept für Mettmann. Ich bewerte die momentane Situation als Testphase, da die Gutachten versagt haben. Die Netztrennung wird in den kommenden Jahren dazu beitragen, Fakten zu schaffen. Der Weggang sowie die Schließung von attraktiven Handelsgeschäften werden zur weiteren „Verödung“ der Innenstadt führen. Schon jetzt ist zu erkennen, dass immer mehr Dienstleister – vom Immobilienanbieter über Parteizentralen bis hin zum Energieversorger – in die zentrale Innenstadtlage drängen. Die Politik wird hier hoffentlich zeitnah Signale setzen.

 

Was können denn die Händler und Mettmann Impulse tun, um wieder mehr Kunden in die Innenstadt zu locken?

Jens-Christian Holtgreve: Die Stadtfeste, die Mettmann Impulse veranstaltet, werden alle hervorragend angenommen und sind für das Image der Stadt Mettmann sehr wertvoll. Darüber hinaus muss die Reichweite der Geschäfte erhöht werden. Das können die Werbegemeinschaften Kö-Galerie und Mettmann Impulse nicht isoliert tun. Wir brauchen moderne Strukturen, bei denen die Verwaltung verbindlich eingebunden wird und eine tragende Funktion einnimmt. Jeder Händler hat natürlich seine individuellen Werbemaßnahmen. Dies wird allerdings nicht ausreichen. Die digitale Sichtbarmachung der eigenen Sortimente wird täglich wichtiger. Diese Aufgabe ist extrem kostenintensiv, beinhaltet ein weiteres Geschäftsmodell, dass mit Engagement geführt werden muss und ist nur mit Unterstützung einer Gemeinschaft sinnvoll. Hierfür benötigen wir die zuvor angesprochenen neuen Strukturen.

 

Ingo Grenzstein: Unsere City-App „ProFiMe“ ist hierbei ein guter Start. Zudem sind wir gerade dabei, den ProduktFinder weiter auszubauen und neue Tools zur überregionalen Digitalisierung zu integrieren, damit die Umsatzeinbrüche durch andere Vertriebskanäle ausgeglichen werden können. Dafür müssen allerdings die Einzelhändler mitziehen, um ihr „stationäres Überleben“ zu sichern.

 

Und was erwarten Sie von der Stadt und der Politik?

Axel Ellsiepen: Von der Politik erwarte ich Signale, die den Bürgern sagen: „Ja, wir haben verstanden und wir werden zeitnah etwas ändern – und dort nachbessern, wo es klemmt.“ Weiterhin ist es hilfreich, wenn wir uns Impulse aus anderen Gemeinden und Städten holen, nicht nur bei uns im Kreis. Hier ist der Blick über den Tellerrand gefragt. Funktionierende Strukturen dürfen wir uns ruhig abgucken. Die Anforderungen an eine Stadt ändern sich rasend schnell, wir müssen neue Wege gehen, um diesen Herausforderungen gerecht zu werden. Die Städte verändern sich extrem schnell – und da ist eine gewisse Experimentierfreude durchaus das Gebot der Stunde. Wir erwarten einfach, dass sich Politik und Verwaltung immer wieder hinterfragen, so wie wir das auch tun müssen. Es geht jetzt darum, Kräfte zu bündeln.

 

Wie wird die Mettmanner Innenstadt in fünf Jahren aussehen?

Axel Ellsiepen: Für meine persönliche Standortfrage hätte ich gerne eine Antwort auf diese Frage. Wir werden nur dann ein positives Bild der Innenstadt sehen, wenn die eben genannten Maßnahmen ergriffen werden: Ein Konzept für Mettmann und eine ganzheitliche Marketing-Strategie. Wir müssen doch den lokalen Handel als Rückgrat für eine florierende Innenstadt begreifen. Die Gestaltung des Jubis wird eine zentrale Rolle spielen. Fördermittel zu verbauen und Verkehrsberuhigungsmaßnahmen durchzuführen, ist eine Sache, aber die langsam verödende Innenstadt wiederzubeleben eine ganz andere. Wenn hier nicht sehr eindeutig und nachhaltig gehandelt wird, lässt sich diese Frage leider nicht allzu optimistisch beantworten.

 

Fast wäre ja der Weinsommer ausgefallen? Wieso? Und warum klappt es jetzt doch?

Jens-Christian Holtgreve: Ohne Sponsoren sind solche Veranstaltungen heutzutage nicht mehr zu stemmen, schon gar nicht kostendeckend. Aufgrund der politischen Entscheidung, die Stadtwerke Mettmann ins Leben zu rufen, verändert sich die finanzielle Situation der Energieversorger. Somit haben die entsprechenden Unternehmen ihren Werbe-Etat kürzen müssen, was im Falle des Weinsommers dazu geführt hat, dass eine kostendeckende Finanzierung der Veranstaltung nicht mehr gewährleistet werden konnte. Die Politik hat sich dann im Wirtschaftsförderungsausschuss dankenswerter Weise mehrheitlich entschlossen, einen einmaligen Etat für die gestrichenen Sponsoring Gelder zu bewilligen.

 

Warum sind solche Veranstaltungen so wichtig?

Ingo Grenzstein: Veranstaltungen wie der Blotschenmarkt und der Weinsommer sind vor allem Treffpunkt für unsere Mettmanner. Für den Zusammenhalt und das Wir-Gefühl unserer Bürger leisten diese Feste einen großen gesellschaftlichen Beitrag. Zudem sorgen sie dafür, dass Besucher weit über die Stadtgrenzen hinaus unsere Kreisstadt besuchen. Sie fördern das Image der Stadt, machen Mettmann ein Stück liebenswerter und sorgen für eine positive Wahrnehmung. Viele Besucher verbinden mit dem Besuch der Feste zudem einen Bummel durch die Stadt oder zum Einkaufen.